Lavastrom statt Touristenflut

„Lavatunnel-Tour“ klang für uns nach einem Höhlenerlebnis der besonderen Art. Es wurde viel mehr als das!

Das ungewöhnliche Lanzarote-Highlight brachte uns die Destination näher als jede andere Aktivität auf dieser markantesten der Kanaren-Inseln. Und es wurde zu einer wunderbaren Begegnung: Als Fremde stiegen wir unter die krustige, poröse Erde, als Freunde krabbelten wir gut vier Stunden später wieder heraus. Dazwischen tasteten wir uns unter der Führung von David durch schlauchartige Hohlräume, die verschiedene Lavaströme gebildet hatten. Ein echtes Vulkanismus-Abenteuer in einer absolut ursprünglichen Welt. Keine Lampen, keine angelegten Wege. Kein Pardon für Fehltritte. Stacheliges Lavagestein unter den Füßen, durchhängende Decken über dem Kopf, scharfkantige Felsbrocken links und rechts der Schritte forderten die ganze Aufmerksamkeit.

 

 

Und immer wieder im Schein unserer Headlights:
spannende Entdeckungen, erklärt von einem ebenso lustigen wie kompetenten Schotten. Er wurde nie müde, uns mit wichtigen Hinweisen viel Sicherheit
zu geben und mit gut dosiertem Wissen rund um Lava ein richtig gutes Gefühl.

‚Crazy David‘ – von Abenteuer zu Abenteuer

Seit vielen Jahren ist dieser erfahrene Naturerlebnis-Guide nach einigen Stationen – unter anderem auf den Kanaren – auf Lanzarote Zuhause, über der
Erde ebenso wie darunter. Entsprechend ist die Vielfalt seiner Firma Adventure Holidays Lanzarote – individuell arrangierte Touren für Einzelpersonen und Gruppen: Vulkan-Wanderungen, Off-Road-Trips, Höhlentouren, Mountain Biking …  David, das ist so ein Typ, mit dem man überall hingehen würde – Vertrauen auf den ersten Blick, Erlebnis pur bei jedem Schritt. Es beginnt für uns heute an der Kirche des kleinen Dorfes Masdache. 

Wie verabredet treffen wir uns an der Ermita de Santa María Magdalena, um später von dieser zentralen Stelle aus zu weiteren Zielen des Tages durchzustarten. David ist da, das Erkennungszeichen nicht: Sein weißer Land Rover musste in die Werkstatt. Spielt alles keine Rolle. Davids Persönlichkeit braucht keine Äußerlichkeiten. Mit einem umarmenden Charme, viel Humor und mitreißender Vitalität holt er uns ab. Erstaunlich, denn er ist gerademal einen vollen Tag zurück von einem eigenen Reiseabenteuer jenseits ausgetretener Pfade. Jedes Jahr zu seinem Geburtstag zieht er mal los, sagt er. Diesmal hatte seine eigene Abenteuerlust ihn nach Marokko geführt – wohl ein Streifzug auf die harte Tour: einige Tage in der Wüste, Exkursionen rauf bis auf knapp 4.000 Metern Höhe im Atlasgebirge. Einen Sandsturm in der Sahara hätten sie gehabt und eine Erkältung habe er sich gefangen. David hustet immer mal wieder heftig. Und er steckt es weg, immer wieder. Ich denke nur, wow, was für ein taffer Typ und kann es nun noch weniger erwarten.

Abstieg mit dem Indiana Jones der Lavawelten

Wir fahren drei Minuten auf einer entlegenen Straße. Dann stehen wir alleine in weiter Landschaft. Die ist von bizarrer Schönheit, übersät mit ineinander verschobenen Lavaplatten soweit das Auge reicht. Es scheint, die dünne Haut der Erde lebe an dieser Stelle, ist tausendfach aufgebrochen und verkrustet.
In weiter Ferne thronen einzelne Vulkanberge. Ganz nah ist der Eingang zum Lavatunnel. Aber wo? Mit Rücksicht auf die dünnen Flechten am schwarzen Fels gehen wir nicht durchs Gelände, sondern auf der Straße zum Einstieg. Der Bewuchs zeige, so David, dass die Luft frei von jeglicher Verschmutzung ist.
Nach fünf Minuten erreichen wir ein Loch in der Erde und atmen tief durch. Rund 10 Meter Durchmesser und etwa drei Meter Tiefe misst die nur aus unmittelbarer Nähe erkennbare Einsackung im Boden. Geröll aus Lava-Fels liegt darin herum, lässt alles etwas instabil wirken. Aber David, sagen wir uns, weiß was er tut. Und er sagt uns, was wir wissen müssen, um da unten unversehrt durch zu kommen.

Wir lernen etwas über sichere Kommunikation: direkte, namentliche Ansprache, kurze klare Hinweise. Der Angesprochene bestätigt nicht mit undefinierbarem Gemurmel, sondern mit O.K. und gibt die Infos an den Hintermann weiter. So steigen wir einer nach dem anderen vom Rand des Loches abwärts und gehen zum Eingang des Lavatunnels. Es gibt weitere Instruktionen. Jeder bekommt ein Headlight. Testen, aufsetzen, anpassen und den Lichtstrahl ausrichten auf eine Position am Boden, etwa zwei Meter vor den Füßen.

Noch ein kleines Training der vereinbarten Sicherheits-Kommunikation, dann geht es behutsam los.  Jeder Blick zurück ins grelle Tageslicht soll ab jetzt vermieden werden. Die Augen müssen sich Umstellen auf die Dunkelheit, die uns jetzt für Stunden umgeben wird …   

Lavatunnel-Tour fast wie ein Höhlenforscher

Die Höhle hat annähernd die Form einer Röhre auf dessen Unterseite eine flüssige Masse erstarrt ist. Die bildet einen mehr oder weniger ebenen Boden. Bald verschwindet der Lichtschimmer vom Eingang. Jetzt besteht die Welt nur noch aus Schwarz- und Grautönen. Die Luft ist klar, frei von Gerüchen. Die Temperatur liegt konstant bei etwa 18 Grad Celsius. Gut, dass ich auf Davids Rat hin meine dicke Jacke im Auto gelassen habe. Tiere gibt es keine. Trotzdem muss man schauen wo man hintritt, denn der Boden ist streckenweise übersät mit Steinen und Felsbrocken. Nicht alle sitzen fest. David geht voran, weist uns immer wieder an, ihm mit freien Händen zu folgen, damit wir uns im Falle eines Sturzes blitzschnell abstützen können. Wir bleiben so exakt wie möglich auf Davids Weg, denn er findet in kritischen Passagen trittfeste Steine und weist uns an, genau die zu benutzen. Nach wenigen Minuten entscheiden wir uns für einen kaum erkennbaren Nebentunnel, den Crazy David erst nach etlichen Touren entdeckt hat und eher selten benutzt. Das ist sogar für ihn, scheint es, immer noch ein besonderes Erlebnis. Dieser Gang bleibt immer mehrere Meter breit aber nicht immer mannshoch. Wir müssen uns ducken, gegenseitig auf scharfe Kanten in Schulter- oder Kopfhöhe hinweisen, fast messerscharfe Kanten in Höhe der Knöchel und Unterschenkel ansagen. Das macht allein schon das Vorankommen in dieser abwechslungsreichen Höhle sehr spannend. Interessante Details toppen das Erlebnis: Spalten im Boden, breit genug um Smartphones oder Schlüssel zu schlucken, tief genug, um sie nie wieder herzugeben. An manchen Stellen bilden herabgestürzte Deckenteile kleine Geröllhalden. In einem Bereich der Höhle bahnt sich schon der nächste Abgang an. Dort liegen bereits einige Brocken am Boden. Durch die Höhlendecke dringt ein feiner Lichtstrahl ins brüchige Schwarz. Unweit davon haben Wurzeln sich den Weg von der Oberfläche nach unten gebahnt und wachsen weiter ins Leere. Er sei durch seine Lavatunnel-Touren schon hunderte Male hier unten gewesen, sagt David, nie habe er auch nur einen Felsbrocken fallen gesehen. Aber:

‚Irgendwann wird es wieder einen Felssturz geben, immer wieder.‘

Kurz bevor dieser Teil der Höhle zu niedrig wird für eine Begehung, sollen wir uns an einer bestimmten Stelle auf den Rücken legen. So können wir bequem einen Moment an der Decke auffallende Musterungen bewundern. Später, zurück im Hauptgang, stoßen wir auf glitzernde Punkte und helle Flächen im Gestein. Am Boden sieht man besonders gut den letzten erstarrten Lavafluss, da er an den Seiten leicht abfällt. Es ist ʻAʻā-Lava – ein zäher, gigantischer Brei, der anders als die schnelle, dünnflüssige Pāhoehoe-Lava Lava nur langsam kriecht und daher schnell als bröckelig aussehende Masse zum Erliegen kommt.  An den Wänden zeichnen sich die Höhen von verschiedenen früheren Lavaflüssen ab. ‚Wir gehen sozusagen mit der Lava in Fließrichtung nach unten‘, erklärt David – eine unheimliche Vorstellung. Während einer von Davids Ausführungen höre ich ein Donnern, irgendwie fern aber nicht weit genug weg, um mich vollkommen entspannt zu lassen. David spricht einfach weiter. Als ich von ihm die Ursache für dieses Donnern wissen will, sagt er gelassen, er habe mit dieser Frage gerechnet. Das sei immer so. Dann kommt für Yvonne eine Mutprobe und zugleich der Vertrauensbeweis in David. An einer Stelle, wo sich der Weg um eine Säule gabelt, die vom Boden bis zur Decke reicht, soll sie von uns weg in die andere Richtung weitergehen. Sie macht es, ohne zu zögern, mit einem fatalistischen lächeln und … Aber ich will nicht alles verraten. Es soll spannend bleiben für alle, die hier einmal mit David auf Tour gehen.

Bergprüfung und Seeräubergeschichten

Auf dem weiteren Weg durch den Hauptgang gibt es noch einmal filigrane Gewächse an der Decke zu sehen und Röhrchengebilde, nicht dicker als ein Strohhalm, etwa fingerlang. Auf keinen Fall sollen wir eines davon abbrechen. Das bessere Souvenir ist eines der am Boden liegenden Röhrchen.
David hat ein waches Auge auf die Unversehrtheit der natürlichen Umgebung. Wenig später, nahe dem Ausgang, türmt sich vor unseren Augen eine massive Ansammlung Gesteinsbrocken. David hatte sich alle Zeit der Welt genommen, wann immer wir Fotos oder Video-Szenen machen wollten und uns dafür auch mal vorangehen lassen. Hier verweigert er entschieden, dass ich als erster gehe, um in eine gute Aufnahmeposition zu kommen. Safety first! Alles andere hätte mich auch gewundert bei all dem Verantwortungsbewusstsein, dass er gezeigt hat. Der große breite Haufen Steine hat es in sich. Als wir diesen ‚Berg‘ im Tunnel hinter uns haben, setzen wir uns. Ein Schluck Wasser, eine Banane, dann hat David was vor. Lichter aus, Kameras aus, Schweigen ist angesagt. Dunkelheit herrscht und totale Stille. Wir schließen die Augen. Keiner spricht ein Wort. So machen wir bei diesem Lanzarote-Abenteuer noch eine intensive Erfahrung: Nach etwa dreißig Sekunden fange ich an, Wassertropfen zu hören. Je länger wir so sitzen, umso deutlicher wird das unscheinbare Geräusch. Auch spüre ich plötzlich einen leichten Luftzug. Faszinierend, wie sich die Wahrnehmung schärft, wenn einer unserer Sinne abgeschaltet ist. Die etwa zwei bis zweieinhalb Minuten dauernde Übung hat noch einen anderen Sinn. „Stellt Euch vor, wie das für die Bewohner der Insel war, wenn sie sich hier unten vor den Piraten versteckten und alles taten, um nicht entdeckt zu werden.“ David breitet die Geschichte vom Ermorden der Kinder und Verschleppen der Erwachsenen als Sklaven weiter aus wie ein routinierter Story Teller. Die längste bekannte Zeit, die Menschen in einem Lavatunnel ohne Feuer, still und möglichst regungslos ausharrten, seien 42 Tage gewesen …

Für uns endet der Aufenthalt in der unwirtlichen Unterwelt nach etwas über vier Stunden. Keine Minute davon war langweilig – auch ohne lauernde Seeräuber. Fast ein wenig traurig, dass es jetzt vorbei ist, erreichen wir den Ausgang. Erstmal die Augen an den grellen Sonnentag mit seinem blauen
Himmel gewöhnen, dann geht es unter Davids Anleitung Schritt für Schritt die rund drei Meter an der Wand des Loches rauf.

Das Geheimnis des Donners wird gelüftet

Trotz eigentlich markanter Orientierungspunkte in der Landschaft kann keiner von uns mit Gewissheit sagen, wo in etwa das Auto steht. David führt uns hin. Zum Abschluss gibt es noch ein Let`s share dreams Video-Interview mit Crazy David und die Antwort auf meine Frage. Das Donnern. Es kam schlichtweg von einem Auto, dass die Straße entlanggefahren war. Eine Straße wie viele andere, aber an einer Stelle mit einem Geheimnis darunter, dass sich nur ganz wenigen Besuchern der Insel erschließt. „Ihr gehört zum 1%-Club“, brachte David zu Beginn dieser sagenhaften Lavatunnel-Tour deren Seltenheitswert auf den Punkt.

Danke, Crazy David, dieses Lanzarote-Abenteuer war 200% gut, eines der denkbar besten Erlebnisse auf den Kanaren. Weil dieser Tunnel einem ein eindringliches, tiefes und nachhaltiges Gefühl für die Insel gibt. Und weil du uns erstklassig durch diese ganz eigene Welt da unten geführt hast.