Auf schmalem Grat zwischen Traum und Alptraum

Die Königstour Madeira ist die Gipfelwanderung vom Pico Arieiro (1818 m) zum Pico Ruivo (1862 m). Die Strecke zwischen dieser höchsten und dritthöchsten Bergspitze Madeiras gilt als der meist beängstigende Wanderweg der Blumeninsel im Atlantik vor der Nordwestküste Afrikas. Und als absolut grandios. Schmale Pfade an steilen Abgründen und 2.000 Meter Höhenunterschied sind zu bewältigen. Stufen führen in bis zu ca. 70°-Winkeln rauf und runter. Kein Meter der etwa 7 Kilometer-Strecke (variierende Angaben in diversen Quellen) ist langweilig.

Kraftakt für Körper und Geist.

‘Lass es sein, schaffst du nicht, endet in der Katastrophe’, so mein innerer Schweinhund bei jedem Gedanken an die schaurig schöne Königstour Madeira. Nicht nur der Weg, auch die Aussicht raubt den Atem, immer wieder aufs Neue. Rund 5 Stunden, heißt es je nach Quelle, brauche man dafür. Aber wer macht diesen Marathon ohne Foto-Stopps, ohne Verschnaufpausen? Wer bleibt nicht häufig stehen wie gebannt, den ungläubigen Blick auf das prächtige Berg Panorama gerichtet! Das kann dauern …

Die Bilder sind unglaublich, der Mut der Menschen ist es auch.

Wer hier an manchen Stellen in die offene Flanke der Bergwand stolpern würde, fände nur noch Halt an einem der beiden Seile dieser luftigen Geländer. Wenn nicht, bleibt nur der freie Fall, oft hunderte Meter tief und ungebremst wie in einem ein Fahrstuhlschacht. Wahnsinn eigentlich. Dass ich ihn hier vom Pico Arieiro aus mitmachen werde schien einerseits ausgeschlossen, hatte sich andererseits am Vortag ein bisschen angebahnt. Da hatte ich zu meiner Überraschung schon durchgehalten auf dem Weg vom Parkplatz unter dem Pico Ruivo rauf auf dessen 1818 Meter. Für passionierte Wanderer ist das ein Spaziergang, für mich ein Kraftakt. Doch schon dort hatten mich die sagenhaften Eindrücke vorangetrieben wie der Aufwind es mit vielen weißen Wolkenschleiern entlang der Berghänge tat. Kayleen und Yvonne waren so überwältigt wie ich. Der gut ausgebaute Wanderweg legt dir eine faszinierende Bergwelt zu Füßen. Madeiras wucherndes Grün reicht auch hier bis fast ganz hinauf. Natürlich reduziert sich in dieser Höhe die Vielfalt der Pflanzenarten. Das hat seinen ganz eigenen Charakter, gehört dazu, fühlt sich gut an. Es ist die Welt der Gräser, Büsche und Gebirgsblümchen. Bäume stecken im felsigen Untergrund der heideähnlichen Landschaft nur noch als bizarr-schöne weiße Skelette. Die Luft ist glasklar, der Blick frei bis hinunter zur weitentfernten Küste. Skurrile Basaltformationen ragen aus dem ewigen Fels wie die Überreste von Gebäuden riesiger Fabelwesen. Das alles hat mich verwandelt. Zwar war ich über weite Strecken hinter Yvonne und Kayleen hergetrottet, doch die Kraft dieser Natur zog mich Schritt für Schritt nach oben. Auf dem Rückweg hatte Yvonne in ihr Lob an mich noch einfließen lassen, dass sie die Passage drüben vom Pico Arieiro rüber zum Pico Ruivo wohl dennoch alleine gehen müsse. Und ich hatte gedanklich zugestimmt. Und dann gibt es sie doch, die:

Königstour Madeira – Gipfelwanderung mit Adrenalin statt Kaffee

Es ist es kurz vor 8:00 Uhr morgens. Wir haben uns mit dem Auto hoch zur militärischen Radarstation auf dem Pico Arieiro geschraubt. Das ist genau die weiße Kugel, die wir am Vortag in der Ferne vom Pico Ruivo aus gesehen hatten. Unvorstellbar, wie und wo ein Weg die beiden Gipfel miteinander verbinden könnte. Zwischen den beiden majestätischen Erhebungen liegt nichts als die Kuppen steil abstürzender Berge. Der vom Startpunkt aus sichtbare Teil des Wanderwegs verschwindet irgendwo darin. Noch lässt es uns kalt, denn wir wollen heute sowieso nur eine halbe Stunde gehen, gemeinsam, und dann entscheiden wie und wo wir uns an einem anderen Tag den ganzen Weg zumuten wollen. Vorher noch einen Kaffee in der Bar. Aber auch das kommt anders. Die hat zu. Wir setzen uns mit unseren belegten Broten für ein paar Minuten auf den Bordstein. Dann gehen wir den gepflasterten breiten Weg über das kleine Plateau bei der Radarstation hinunter. Auf den harmlosen Beginn des Wanderweges folgen erste Treppen, erste Abgründe wenige Meter neben den Füßen. Das Gefühl ist erhaben. Wir sind der Erde da unten fern, dem Himmel nah. 360° Weitblick. Wandern auf Madeira in einer neuen Dimension! Man merkt den anderen Wanderern an, dass dieser Teil von Madeiras Bergwelt auch sie berührt. Kayleen und Yvonne spurten voran. Das noch flache Licht der Sonne streckt unsere Schatten ausladend auf dem Boden. Sie wärmt schon etwas, die Jacke tut ein Übriges. Die Grau-, Schwarz- und Erdtöne der Gebirgslandschaft bilden einen vielfältigen Kontrast zum durchgehend blauen Himmel. Vereinzelte Wolken strahlen weiß zwischen den Bergen. Wie in einer Spielzeuglandschaft kleben die Häuser eines Dorfes tief unten in einem Tal das vergessen scheint vom Rest der Welt. Leben regt sich hingegen auf einer mehrere hundert Meter entfernten Aussichtsplattform. Wie ein Nest sitzt die auf einem Felsvorsprung. Wer da rausfällt sollte fliegen können. Das Plateau könnte unser Tagesziel sein. Mir wird mulmig, denn Szenen eines Videos über diese Stelle poppen auf im Kopf. Im gleichen Video war eine ca. fünf, sechs Meter lange Passage zu sehen, nur etwa 1,50 bis zwei 2 m breit und auf beiden Seiten hunderte Meter tief nichts als Luft. Ich werde mich fühlen wie eine Ameise auf einem Schüsselrand, denke ich. Blöd nur, dass ich das Geschick einer Ameise nicht habe. Wo ist dieser verdammte Abschnitt? Vielleicht schon hinter der nächsten Wegkrümmung?


Der Pfad wird spannender, die Abgründe rücken näher.

Kayleen und Yvonne gehen trittsicher voran, ich folge zuversichtlich und wenig ängstlich. Wandern auf Madeira auf schmalen Wegen entlang biestiger Abgründe ist durch einige Levada-Wanderungen für uns eigentlich nichts Neues. Eigentlich. Nach etwa 30 Minuten erreichen wir die Aussichtsplattform. Obwohl ich es vermeiden wollte, zieht die Neugier meinen Blick über das Geländer. Schon fließt diese Schwere durch meinen Kopf, scheint sich durch den ganzen Körper zu ergießen. Scheißgefühl. Ich atme tiefer und schneller. Es hat mich. Weg vom Abgrund! Filmen ja, aber mit der Kamera an den ausgestreckten Armen.  Schnell bessert sich mein Zustand. Wie soll das weitergehen? Vor allen Dingen wo? In weiter Ferne sehe ich einen winzigen Streifen, der sich etwa 100 Meter tiefer um den Bauch des gegenüberliegenden Berges windet und im Nirgendwo verschwindet. Kein Geländer dort? Die spinnen doch. Oder doch ein Geländer? Kann`s nicht erkennen. Auf jeden Fall geht es genau dort unten entlang und weiter, irgendwie. ‘Da lang um den Berg rum, dann ziemlich abwärts und später durch einen Tunnel auf die andere Seite,’ hören wir einen Guide sagen. Seine Gruppe schweigt. So acht bis 10 Leute, alle 40, 50+, top ausgestattet, vom Hut auf dem Scheitel bis zur dicken Wandersohle. Wie es drinnen aussieht, bleibt mir verborgen. Dann erfahren wir noch, dass dieser schreckliche schmale Grat gleich da unten kommt. ‘Da gibt es aber Geländer auf beiden Seiten, ist nicht so schlimm, nicht schwierig, ist ja auch kein Wind heute’, sagt der Guide. Na dann. Bis zum Anfang meiner absoluten Angstpassage gehe ich noch, nehme ich mir vor. Dann ist Schluss.

Plötzlich ein Held.

Kurz nach der Aussichtsplattform spitzt sich der Bergkamm zu und damit die Lage. Wie einst bei einer Schlangen-Begegnung in Thailand mischen sich in mir Angst und Faszination, Vorsicht und Leichtfertigkeit. Ich filme, während ich gehe, in Abgründe hinein. Geländer auf beiden Seiten des jetzt schmaleren Weges signalisieren klar die gesteigerte Brisanz des Abschnitts. Wandern auf Madeira, hier erfordert es im wahrsten Sinne Höchstform, vor allem im Kopf. Plötzlich erreichen wir eine Stelle, wo es auf einer Seite nur 40, 50 Zentimeter neben dem schmalen Weg geschätzte 500 Meter steil nach unten geht. Ich bleibe fasziniert und erstaunlicherweise gefasst. Die Lust auf klasse Videoszenen steigert sich zum Trophäenfieber. Den Blick fast starr auf den aufgeklappten Monitor der Kamera und den unmittelbaren Weg vor meinen Füßen gerichtet, gehe ich weiter. Nur in den Augenwinkeln nehme ich das gähnende Nichts rechts und links des Weges wahr. Für einen Moment ist Madeiras Bergwelt weg. Ich gehe einfach einen Weg und rede lustiges Zeug in die Kamera. Da wird der schmale Grat unter meinen Füßen auch schon wieder etwas breiter. Ich stoppe, drehe mich um. Unfassbar. Ich glaube, ich habe gerade ‘diese Stelle’ passiert. Yvonne und Kayleen folgen. Wir sind uns unsicher. Das könnte sie gewesen sein. Keiner denkt mehr ans Umkehren. Wir gehen einfach weiter. Die Strecke bleibt atemraubend, aber es kommt kein Abschnitt mehr, der jener unglaublichen Passage ähnelt. Gut 20 Minuten später, als der Wanderweg offensichtlich erstmal nur noch weit nach unten führt, stellt Yvonne mir die Gewissensfrage: ‘Entscheide dich, ob du durchgehen willst bis rüber zum Pico Ruivo.’

Es gibt ein Zurück, aber kein leichtes.

Wenn wir jetzt ganz runtergehen und dann umkehren, würde das einen gnadenlosen Aufstieg bedeuten, vielleicht jenseits unserer Kräfte. ‘Also’, beharrt Yvonne, ‘jetzt umkehren oder weiter und durch bis zum Ende!’. Ich kann und will mich nicht festlegen, rechne immer noch mit Abschnitten, die mich vielleicht mental überfordern. Wir einigen uns darauf, den Durchmarsch zu versuchen und dann gegebenenfalls drüben angekommen per Taxi oder Mitfahrgelegenheit zurück zum Parkplatz auf dem Pico Arieiro zu kommen. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen wird. Auf den tiefen Abstieg mit sensationellen Landschaftseindrücken folgt ein Abschnitt mit mehreren Tunneln. Eine schöne Abwechslung mit neuen ‘Kicks’: Unmittelbar am Ende eines Tunnels zum Beispiel windet sich der Weg mit einem 90 Grad-Knick weg vom Abgrund. In den Tunneln drin lässt sich trotz Headlight der eine oder andere Tritt in eine Pfütze nicht vermeiden. Die Decke sollte man hier und da dem Kopf zuliebe auch im Auge behalten. Inzwischen sind einige Wandergruppen und viele Paare in dieser vielleicht faszinierendsten Region von Madeiras Bergwelt unterwegs, auch Familien. Hin und wieder hasten jüngere Leute in sportlichem Outfit im Laufschritt auf der Königstour Madeira vorbei. Warum nur wandern auf Madeira? Laufen geht doch auch! Einmal höre ich wie ein Guide seine Gruppe auffordert, den vitalen Gegenverkehr zu beachten: ‘Runners!’, ruft er ein paarmal, routiniert und laut. Ein leichtes Gedrängel entsteht trotzdem zwischen Bergwand und Geländer. Gemütlicher geht es auf einem größeren freiliegenden Plateau zu. Dort treffen wir nette Leute beim Pausieren. Ein Apfel, eine Orange, Smalltalk und ein Let`s share Dreams Interview mit einem kleinen Jungen und seinem Vater – dann geht es weiter Richtung Parkplatz unter dem Pico Ruivo. Dort hoch zum Gipfel brauchen wir ja nicht mehr. Das hatten wir gestern. Trotzdem dauert es länger als erwartet bis zum Ende unserer etwas kürzeren Strecke. Während wir anfangen uns eher zu schleppen als stramm zu gehen, kommen uns Leute entgegen, die das Ganze noch einmal komplett zurück zu ihrem Auto laufen. Unglaublich.

Es bleibt ‘irre’ schön.

Öfters zeugen jetzt viele Brocken am Boden des Weges von Steinschlägen. An einer Stelle ist offensichtlich ein kleines Stück des Hangs über den Weg abgerutscht. Ein paarmal vermisse ich an kritischen Stellen das Geländer. Wie schon einige Male zuvor liegen hin und wieder Teile davon weggeknickt am Boden oder hängen schräg über die Klippe geneigt. Abschnittsweise gibt es komplette kleine Lücken. So packt mich doch nochmal die nackte Angst: Der Pfad klebt wiedermal wie eine Rinne an der Felswand, verjüngt sich plötzlich an einer brüchig wirkenden Stelle auf etwa 90 Zentimeter Breite. Ausgerechnet hier klafft eine Lücke im Geländer. Meine Füße wollen stoppen, aber ich weiß: Wenn ich jetzt stehen bleibe, ist das Nächste pure Panik. Ich war schon einmal auf einem Skywalk über den Wipfeln sagenhafter Baumgiganten in Brunei erstarrt. Dort konnte ich wenigstens die wenigen Meter der absolut sicheren Stahlkonstruktion zurückzittern auf die nächste Plattform. Hier – no way out. So gehe ich etwas langsamer aber entschlossen weiter, klebe dabei förmlich and der Felswand, mit dem Körper und den Augen. ‘Ich habe gemerkt, wie es dir ging’, wird Yvonne später eingestehen, ‘aber lieber nichts gesagt, um das Drama nicht größer zu machen.’ Nach rund 40 Sekunden ist der Spuk vorbei. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen mich Bedenken auch wegen Kayleen ereilen. Im Übrigen bin ich gelassen. Sie ist erfahren im Gelände, sportlich und nonstop überwacht. Einer von uns beiden passt immer auf, denkt mit und voraus. Auch wenn`s das Kind natürlich nervt. Mehr Angst um Sie als bei dieser Strecke auf der Königstour Madeira hatte ich schon öfters in Alltagssituationen, zum Beispiel auf Fußgängerwegen an belebten Straßen.

Endspurt im Schneckentempo auf dem Königsweg Madeira.

Zum erhofften Ende der Strecke hin habe ich sogar eher das Gefühl, meine Tochter sorge sich um mich. Es geht elendig nach oben, darunter ein harter Abschnitt mit vielen steilen Treppen. Ich bin fertig, am Ende. Kleine Schritte, großes Schnaufen. Pause, Pause, nochmal Pause. Wann endlich ist der uns schon bekannte Pfad erreicht, von dem aus es fast nur noch leicht bergab zum Parkplatz Pico Ruivo geht? Keine Ahnung. Es ist tief grau über uns. Um uns herrscht Nebel bzw. voll Wolke. Die Sichtweite liegt streckenweise unter 50 Metern. Der damit verbundene Temperatursturz ist uns willkommen. Auch Kayleen und Yvonne haben genug. Das bleibt so. Die Schönheit der Berglandschaft ist unvermindert, unser Sinn dafür jedoch verblasst. Später kommt die Sonne zurück. Die Wolken bleiben noch eine Weile. Doch bald ist alles klar, in jeder Hinsicht.

Am Parkplatz schließlich angekommen, strahlt unsere Welt schnell wieder auch ganz von innen. Verflogen die bohrende Frage, wie wir zurück zu unserem Auto kommen: Ein nettes Paar wählt für seine Rückfahrt nach Funchal uns zuliebe die Bergstraßen. Dann könnten sie, sagen sie, uns wenigstens am Beginn der kurvigen Landstraße rauf zum Pico Arieiro rauslassen. Wir sparen nicht nur das Geld für ein Taxi, dass man normalerweise vorher organisieren sollte. Wir haben eine großartige Fahrt. Pete, der Schotte und Marianna, die Norditalienerin, sind ausgesprochen nett. So begleitet uns auf den über 30 Kilometern zurück ein nettes Gespräch über das Reisen, Madeira und unseren verrückten Lebensstil. Am Ende starten sie einfach mit uns durch, setzen uns direkt an unserem Auto ab. 

Auch das macht diesen Tag zu einem Traum. Er hatte alles, was man sich unterwegs in der Welt wünscht: Fantastische Eindrücke von einer grandiosen Kulisse auf der Königstour Madeira. Das unbeschreibliche Gefühl, sich selbst überwunden zu haben. Und eine Begegnung, die das positive Weltbild nachhaltig stärkt.

Königstour Madeira Picknick

 

 

 

Lust auf eine faszinierende Levada-Wanderung auf Madeira?