Schnauze voll.

Wir lieben Schokolade. Auch von Nestlé. Tausend und einen Glücksmoment hat dieser Freudenschmelz schon für Kayleen, Yvonne und mich bedeutet.
Aber es war auch klar, irgendwann wird es mal zur Katastrophe kommen …

Wenn man etwas total mag, sieht man großzügig über manches hinweg. Dazu gehört das leichte Unwohlsein nach übertriebenem Verzehr und schwer vermeidbare Flecken von heimtückischen Krümeln. Uns aber passierte das Unverzeihliche: Die totale Entweihung eines angebeteten Genusses. Statt unwohl fühlten wir uns zum Erbrechen schlecht und der Fleck da vorne auf dem Hosenbein sah aus wie kräftig um die Ecke geschissen. Entschuldigung, aber man muss es so sagen.

Die Geschichte beginnt in Agathas Küche auf AsvaNara, unserem dreimonatigen Workaway-Platz in der Toskana. Dort flüstert man nicht nur mit den Pferden, sondern auch mit den menschlichen Innereien. Gesundkost nach Dr. Bruker verwöhnt die Gäste. Freilich eine Wissenschaft. Einfach runtergebrochen: Kein Fleisch, keine Wurst, keine Eier, keine Milch, kein Zucker … kein Pardon. Schmeckt und wirkt. Du bringst auf der Toilette mehr raus als du reinschaffst und schon bald fühlst du den Stolz des Besseressers. Die Lust auf Süßes wird kleiner, kleine Ausrutscher werden dennoch zum Fest. Und die Idee, in Perugia das dortige Nestlé-Werk Perugina zu besuchen, bekommt etwas Magisches. Dort entstehen neben weiteren Schokoladenartikeln vor allem die weit über Italien hinaus bekannten “Küsse von Perugia“ – die


Baci Perugina!

Eine Führung durch die Geburtsstätte dieser leckeren Nougat-Haselnuss-Pralinen würde natürlich ein Spiel mit dem Feuer sein. Aber eben auch eine Art genusskulturelle Weiterbildung. „Lasst es uns tun!“ Agatha und wir fuhren also in die Hauptstadt Umbriens, trafen uns dort mit einem befreundeten Pärchen und kamen deutlich zu spät. Wenigstens konnten wir etwa zur Halbzeit in die Besucherrunde platzen, rechtzeitig genug, um die Verkostung zu erleben. Du ahnst es, nicht wahr …! Genau. Herrliche Pralinen in Variationen, Schokoladenriegel, Gelee-Bananen …, alles zum Greifen ausgebreitet auf gefühlt 20 Metern Theke. Beinahe hatten wir schon vergessen, was wirklich zählt im Leben und dass Konditoren die wahren Götter in Weiß sind. Noch unter dem Eindruck der Vernunftsehe mit der Dr. Bruker-Ernährungslehre rangen wir uns in nicht messbaren Sekundenbruchteilen durch zu einem „Nur dieses eine Mal“. Der Rest des Ausrutschers ist Anekdote – und Lehre – fürs Leben. Blutzuckerspiegel: von 0 auf 100 in 3 Minuten. Antrieb: Vollautomatik. Fressmodus: wahllos. Motivation: Kompensation des Ticketpreises und irgendetwas, das ich als animalisch bezeichnen würde. Resultat: Katerstimmung nach bereits 10 Minuten und ein untrügliches Bauchgefühl: Das wird übel …

Was ich noch nicht wusste: Der Schaden würde sich nicht auf den vorläufigen Totalverlust der Schokolust beschränken. Viel Später entdeckte ich einen tellergroßen, dunklen Fleck auf meinem Hosenbein, der sich von der Kniescheibe rundum aufwärts erstreckte. Fett vom Feinsten, unwaschbar, ein gigantischer Schandfleck zügelloser Gier. Zwei Dinge hatte ich nämlich während der Führung und auch danach vergessen. Erstens: Es war Hochsommer mit dreißig Grad im Schatten. Und zweitens: Ich hatte Kayleens hastig nach der Verkostung gegriffenen Pralinenvorrat in meine untere Hosentasche gestopft.

Wir alle sind aus diesem Trauma nach wenigen Wochen ohne Therapie rausgekommen, essen wieder gerne Schokolade und können die Tour „bei Baci“ empfehlen. Sie ist für unseren Geschmack nicht eindrucksvoll inszeniert und führt in kein schickes Vorzeigeambiente. Aber es ist immerhin der Ursprung einiger Verlockungen, die das Leben süßer machen. Und wer schon immer mal wissen wollte, wie es in einer Schoko-Fabrik aussieht, hier hat er von einem erhöhten und verglasten Laufweg aus den freien Blick in die Produktion.

 

Unser Tipp

Zeit einplanen fürs Finden, falls kein Navi zur Hand ist.
Und: nicht stopfen, weder die Taschen noch die Mäuler.