Andys Savoir-Vivre rund ums Wellenreiten

Surfen auf Fuerteventura ist so cool wie überall auf der Welt: Surfer sind happy, sitzen zugedröhnt mit der Gitarre am Strand, machen eine gute Figur
und Party bis der Arzt kommt. Diese Vorstellung ist natürlich Bullshit. So haben wir es auch nie gesehen. Aber mit den Gedanken an Wellen, Strand und
diese geschmeidige Akrobatik in Bilderbuchgegenden der Welt verbindet wohl jeder ein gewisses Maß an Romantik. Das hat sich für uns im Gespräch
mit einem langjährigen Kenner des Surf-Sports und seiner Szene leicht relativiert.

Andi          Rapa Nui Surf School

Andy, ein Routinier unter den Surflehrern, Chef und Inhaber der Rapa Nui Surf School in Costa Calma, Fuerteventura, hat uns neben seiner persönlichen Faszination auch eine andere Seite der Surfkultur vor Augen geführt: die nüchterne. ‘Ich liebe diesen Sport’, sagt er mit leuchtenden Augen, als wir uns in seinem Surf Shop in dem beliebten Urlaubsort im Süden von Fuerteventura auf einen ausgedehnten Small-Talk treffen. Aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass die geschäftliche Welt dahinter nicht unbedingt immer eine schöne ist, die Menschen der Surf-Szene nicht immer glücklich und erfolgreich.

 

Surfen, Fuerteventura und die Sache mit dem Lebensglück

Die Überzeugung, an herrlichen Orten der Welt brauche man nicht viel, um glücklich zu sein, betrachtet Andy grundsätzlich als trügerisch. Auch wer sein Leben einer Leidenschaft wie das Surfen oder einem Surf-Business widmet, kommt auf die Dauer ohne einen gewissen Lebensstandard kaum aus. ‘Das funktioniert ein paar Monate, aber dann geht es dir auf den Nerv. Du brauchst eine Wohnung, einen Fernseher, ein Auto und so weiter, und zwar so, dass
du dich wohlfühlst.’ Dann könne man auch was leisten und erreichen. ‘Ich habe so viele gescheiterte Existenzen gesehen’, berichtet Andy und wird für einen Moment nachdenklich. Darunter ein deutsches Paar, das in Nicaragua eine Surfschule eröffnete. ‘Als sie alles aufgebaut hatten’, sagt er weiter, ‘kam eines Nachts der Pick-up mit ein paar Männern mit Knarren. Ab jetzt zahlt ihr, sagten die, sonst ist als erstes die Frau dran und dann das Kind.’
Ein krasses Beispiel zwar, aber auch im herrschenden Recht und Ordnung Europas ist Selbständigkeit eine Herausforderung. Andys Aussagen zufolge,
ist die in Südspanien besonders groß und in der Inselwelt des Landes nahezu krass. Bürokratie und so … Surfen auf Fuerteventura also klasse – Surfschule
eine challenge.

Die ernste Seite des Surfens hat Andys Sohn Gil kennengelernt. Einige Jahre lang war er gerne als Teilnehmer vieler Wettbewerbe mit seinem Vater in vielen Surf-Spots der Profiwelt unterwegs, hatte seine Erfolge. Aber irgendwann, erzählte er mir ein paar Tage vor diesem Gespräch im Surf Shop, wollte er raus
aus dem Korsett. Zu viel Druck, zu wenig Spaß. Also ging er back to the roots – erstmal wieder surfen just for fun. ‘Hey,’ setzte er noch nach, ‘ich bin 19!’ 

Fuerteventura natural campground

Andy, mit dem Herz ganz bei allen Freunden des Surf-Sports, sieht das Profi-Lager mit einer Mischung aus Bewunderung und Vorbehalten:

 

‘Surf-Profis sind Hochleistungs-Athleten. Die gehen abends um 10:00 brav ins Bett und morgens um 05:00 wieder aufs Brett.’

Neben Disziplin und unglaublich viel Zeit brauche man richtig Geld oder einen Sponsor. ‘Aber da musst du erstmal hinkommen’. Andy, der Junge aus einem Dorf bei Bielefeld, hat es nicht nur geografisch weit gebracht: Rapa Nui auf Fuerteventura, das heißt Surf Shop, Surfschule und Surfers Bar in Nähe des Strandes. Bar und Shop sind echte Schmuckstücke mit tollem Ambiente, doch entscheidend für die Existenz der Familie sei die Surf-Schule. Andy ist stolz
auf deren Image, sagt er, dass sie ausgebildete Lehrer haben, lizensiert sind und immer über einwandfreies, klasse Equipment verfügen. Das sei auf Fuerteventura wie auch anderswo auf den Kanaren nicht selbstverständlich. ‘Zu viele denken, sie können mal eben eine Surfschule aufmachen.’
Schlecht für alle, denn im Wettbewerb der wachsenden Zahl an Surfschulen auf Fuerteventura, schaukeln sich die Preise runter. Die Rapa Nui Surf School, betont er, mache da nicht mit. Andy ist mit seinem Ruf als sehr gute, seriöse Adresse und mit einem hohen Stammkunden-Anteil so gut aufgestellt, dass
er seinen Vorstellungen treu bleiben kann.  Dazu gehört eine moderate Einsatzplanung der drei Familienmitglieder und immer wieder Auszeiten.

 

‘Alle zwei drei Monate muss ich hier weg, sonst kriege ich einen Inselkoller.’

Er lacht diesen Satz frei heraus, als wolle er sagen, er wisse ganz genau wovon er spricht. Das hier, Fuerteventura, vertieft er, das sei toll. Er mag es, sonst wäre er nicht hier. Aber: 80 Kilometer müsse er fahren, wenn er mal ins Kino will. Und die Insel sei kein Platz, an dem man seinen Horizont erweitert.
Also ein Urlaubsparadies auf den Kanaren, aber auf Dauer keine Idealbedingungen für Selbständige, die sich weiter entwickeln wollen. Er sei zwar kein Stadtmensch und wohne so abgelegen, dass er heute sieht wer morgen kommt. Dennoch, Infrastruktur in der Nähe sei ihm wichtig. Und die Wärme. An die gewöhne man sich schnell. ‘Ich glaube schon, ich könnte auch in Deutschland leben, aber nur im Sommer.’ Sein Traumplatz, schwärmt er sichtlich bewegt,
sei die französische Atlantikküste bei Biarritz. Allein der Gedanke daran lässt ihn in Savoir-Vivre Bildern schwelgen: ‘Die internationale Atmosphäre dort …
das fantastische Essen … tolle Bars … großartige Restaurants … dieser Lebensstil der Franzosen … die Wellen… die Surfszene …’ Es sei der Surf-Spot in Europa. Von überall her kämen sie dorthin. Er und seine Familie haben feste Pläne, sich dort schon bald mit einem Mobile Home ein zweites Zuhause zu schaffen
für die Sommerzeit, wenn die Wellen in Fuerteventura gut zum Surfen lernen sind, aber nicht so toll fürs Austoben. ‘Es wird mal wieder Zeit, was Neues zu machen’, umreißt Andy die Motivation, die ihn neben der Faszination am französischen Surfparadies antreibt. Der Traum lässt sich realisieren, doch ‘hätten wir weniger’, gibt er zu, ‘wäre es einfacher.’ Damit meint er unter anderem die rund 15 Pferde, um die sich im Wesentlichen seine Frau Kerstin kümmert.
Kein Business, reine Herzenssache – die Tiere wurden aus elenden Lebensumständen befreit.

 

Karriere aus Spaß

Andy ist Betriebswirt. Das Surfen hat er mit 18 begonnen, weil er dann ein Auto hatte und vom Bielefelder Raum aus unter anderem nach Holland an die Küste konnte. Nach dreieinhalb Berufsjahren zog es ihn in den 90ern für ein Jahr nach Fuerteventura, das er durch einige Urlaube schon kennen gelernt hatte. Der längere Aufenthalt auf der Kanareninsel war dann so ein ‘Nur mal so gucken’-Ding, allerdings gleich mit Job. Natürlich in der Windsurfbranche.
Das einzige Vernünftige, sagt er, was damals zu kriegen war. ‘Außerdem wollte ich auf diese Weise mehr Zeit auf dem Wasser verbringen’, setzt er nach.
Es wurde sehr viel Zeit auf dem Wasser … Andy blieb. Seine Frau kam mit dem neun Monate alten Gil nach. Die Dinge entwickelten sich. Nach fünf Jahren
war absolut klar, dass sie hier weiter wurzeln wollen. Irgendwann kaufte er gebrauchte Bretter und surfte in die Selbständigkeit. Der ganze Weg zum
heutigen Status – ein Plan, eine Strategie? Andy schaut mich an als rede ich Unsinn.

‘Ich kann nur machen, was mir Freude bringt,’ erwidert er dann fast mit einem Achselzucken.
‘Wollte ich so richtig Geld verdienen, würde ich ‚was Anderes machen.’